CentOS 8 Stream – Test der “rollenden” Linux Server Distro

CentOS war stets bekannt, ein binärkompatibler Klon von RedHat Linux Enterprise (RHEL) zu sein. Mit CentOS Stream ändert sich hier ein entscheidendes Detail, denn CentOS wird damit zu einem rollenden Upstream Projekt vor RHEL. Ob das gut gehen kann, das schauen wir heute mal an. Nach dem kurzen Intro geht’s los. Bleibt dran.

Über die Distribution

CentOS hatte stets einen festen Platz im Red Hat Universum, ähnlich wie Fedora und RHEL es selbst hatten. Bislang war CentOS aufgrund der Binärkompatibilität mehr oder minder ein kostenlos erhältlicher RHEL Linux Server ohne Support Anspruch seitens Red Hat. Doch damit ist nun Schluss. CentOS wird zu CentOS Stream und somit wird der Schwerpunkt vom binärkompatiblen Gratisserver mit Langzeitunterstützung hin zum serverorientierten und somit rollenden Upstream Projekt für RHEL.

Geschichte der Distribution:

Red Hat kaufte CentOS im Jahr 2014 ein. Damals ging dies mit dem Ziel einher, eine Version von RHEL für Anwender ohne Support Anspruch bereitzustellen. Mit CentOS war Red Hat schon relativ frühzeitig in der Lage einem weitaus größeren Publikum verschiedene Unternehmenslösungen wie z.B. OpenStack oder Container- und Virtualisierungslösungen losgelöst vom eigentlichen RHEL anzubieten.

Ende 2020 gab Red Hat bekannt, dass sich das Trio aus Fedora, CentOS und RHEL neu aufstellt, wobei es hier CentOS schwerpunktmäßig betraf.

Unterbau, Paketformat und Paketverwaltung

Da CentOS kompatibel zu RHEL ist, haben wir einen Red Hat Unterbau vorliegen. Dementsprechend wird als Paketformat traditionell das RPM Paket in Stellung gebracht. Dazu gibt es native Unterstützung für Flatpak. Als Paketverwalter kommt DNF zum Einsatz.

Unterstützte Architekturen

CentOS Stream unterstützt derzeit die folgenden Architikturen: x86, IBM Power PC und ARM. Wer noch 32-bit Architektur einsetzt, muss auf das klassische CentOS zurückgreifen und kann CentOS Stream nicht verwenden.

Zielgruppe der Distribution

Bislang bestand die Zielgruppe von CentOS aus Anwendern und Admins, die die Vorzüge von RHEL kostenlos erhalten wollten. Ob CentOS Stream diese Anhängerschaft vollumfänglich wird halten können, darf bestritten werden. Doch muss das nicht zwingend so negativ sein, wie es zunächst den Anschein macht. Sofern sich CentOS Stream als stabile Serveredition herausstellen kann, geht Red Hat damit den Spagat stabile aber rollende Linux Distribution anzubieten. Der Ansatz ist auf alle Fälle sehr interessant. Für die bisherige Anwenderschaft ist die Umstellung natürlich hart, denn unter Umständen droht eine komplette Migration zu einer anderen Server Distribution, sofern die angekündigten Forks des klassischen CentOS sich nicht etablieren können sollten.

Vorarbeiten, Inbetriebnahme & Systemvermessung

Um CentOS auszuprobieren oder zu nutzen, muss zuvor das ISO Abbild heruntergeladen und auf USB-Gerät oder DVD gebrannt werden. Zunächst müssen wir die Projektwebseite aufrufen. Derzeit gibt es zwei Editionen: Das klassische CentOS und CentOS Stream. Da nur noch Stream Zukunft hat, laden wir diese Edition herunter. Klickt also auf CentOS Stream. Nun kommt Ihr an den Punkt, an dem ihr entsprechend Eurer Architektur eine Wahl treffen müsst. Ich habe x86_64 geklickt. Im nächsten Schritt müsst Ihr einen Spiegelserver auswählen. Der letzte Schritt ist der Klick auf das ISO und dann ladet es komplett herunter. Sobald das Abbild vollständig heruntergeladen wurde, solltest du dessen Checksumme verifizieren. Wie das geht, habe ich schon in einem separaten Beitrag thematisiert. Einfach reinschauen wenn das Unklarheiten sind.

Inbetriebnahme

Sobald die ISO Datei vollständig heruntergeladen wurde, könnt Ihr mit einem Tool wie z.B. Etcher diese auf ein Startmedium wie z.B. USB oder DVD brennen. Ich werde an der Stelle den Installationsprozess nicht näher beschreiben. Wer hier aber mehr sehen will, empfehle ich meinen Beitrag zu Oracle Linux 8.3. Einfach reinschauen im Bedarfsfall. Die Installation von CentOS unterscheidet sich nicht großartig.

Systemvermessung

Schaue wir mal, wie hungrig CentOS Stream ist.

Der Auslastung des Plattenplatzes hält sich im Rahmen. Mein System belegt knapp 5 GB. Das klingt zunächst wenig. Man muss jedoch im Hinterkopf behalten, dass kaum Software vorinstalliert ist. CentOS liegt hier etwa gleichauf mit dem entfernten Verwandten Oracle Linux was den Bedarf an Plattenplatz angeht.

Der initiale Benchmarkwert im Arbeitsspeicherkonsum liegt bei knapp 870MB RAM. Das ist für einen Gnome Desktop in Ordnung. CentOS 8 Stream ist hier etwas weniger hungrig nach RAM als Oracle 8.3 es im Test war.

Insgesamt keine schlechten Werte.

Desktop & Programme

Gnome-Shell liegt in Version 3.32.2 bei.

Am Desktop einer Serverdistribution sollte keine große Erwartungshaltung hinsichtlich vorgenommener Anpassungen aufgebaut werden. Es ist eine blanke Gnome Shell mit angepassten Hintergrundbild. Das ist alles aber auch völlig in Ordnung. Wer meine Videos regelmäßig schaut, weiß, dass ich kein Freund dieses nackten Gnome Desktops bin. Dennoch überwinde ich mein Verlangen nach Anpassungen und präsentiere das Produkt somit unverfälscht.

Der Desktop ist leer. Es gibt keine Symbole auf dem Schreibtisch und weder eine Art Taskbar noch ein Dock. Klickt ihr oben links auf Aktivitäten, dann kommt eine Art Dashboard, wo links die Gnome Favoriten, sowas wie Schnellstarter, neben den geöffneten Programmen angezeigt werden. Lediglich oben befindet sich eine Leiste, die links die Aktivitäten, mittig die Uhrzeit und rechts Steuerelemente wie Lautstärke oder Abmelden birgt. Gnome typisch gibt es bei den Fenstern nur schließen, nicht aber minimieren oder maximieren. Das weckt meinen Drang Gnome mit Erweiterungen auszustatten, aber aber ich hab es noch im Griff.

Je nach Einstellung im Rahmen der Inbetriebnahme solltet ihr mal in den Einstellungen unter Datenschutz schauen ob alles Euren Erwartungen entspricht.

Kleiner Tipp: Falls Ihr nach dem Start immer keine Netzwerkverbindung habt, bleibt in den Einstellungen und klickt auf Netzwerk. Dort auf das Zahnrad neben Eurem Netzwerk und setzt dann den Haken bei „Automatisch verbinden“. Bei mir war der nicht gesetzt aber ich kann nicht genau sagen ob das nur bei mir so war oder generell so ist, was ich komisch fände am Server wenn der keine Netzwerkverbindung hätte. Aber gut ich wollte es zumindest mal erwähnt haben.

Vorinstallierte Software

  • Kernel: 4.18
  • Browser: Mozilla Firefox
  • E-Mail Client: nicht vorinstalliert
  • Büropaket: nicht vorinstalliert
  • Software-Container: Flatpak

Allgemein vorinstallierte Software:

Im Rahmen meines Tests von Oracle Linux 8.3 erwähnte ich an der Stelle sinngemäß, dass wir darüber hinwegsehen eine Serverdistro mit grafischer Oberfläche auszustatten. Das könnte man der Sachdienlichkeit halber auch hier anführen aber so dramatisch sehe ich persönlich das nicht.

Viel an Software ist übrigens nicht vorinstalliert. Aber wieso wird am Server Cheese, also das Gnome Webcam Tool vorinstalliert? Selbes gilt für Totem Video. Braucht man am Server in meinen Augen nicht und ich kann auch nicht verstehen wieso man das reinpackt bei Red Hat. Ja ich sage hier bei Red Hat, denn bei CentOS und Oracle Linux fand ich das so vor und beide haben die Red Hat Codebasis. Also nenne ich Ross und Reiter beim Namen. Ansonsten sieht das System sauber und aufgeräumt aus.

Besonderheiten und Fazit

Ich fände es spannend, wenn CentOS Stream sich als rollende Serverdistribution etablieren könnte. Das wäre ein interessanter Kompromiss aus Stabilität und Aktualität. Wieso Red Hat nun überhaupt zwei Upsteam Projekte für RHEL braucht, kann ich nicht sagen. Diese Funktion hatte bislang Fedora inne. Aber evtl war Fedora mit Hinblick auf den Linux Desktop für den Linux Server vielleicht doch zu experimentell, sodass CentOS hier als Mittelstück eingeführt wird statt als quasi Billig-RHEL nebenherzudümpeln.

Was ich Euch übrigens nicht vorenthalten möchte, ist der Unterstützungszeitraum von CentOS 8 Stream: Das Enddatum der Produktunterstützung wird mit 31.5.2024 angegeben. Wie dann der Versionssprung auf CentOS 9 Stream aussehen wird, ist aktuell noch nicht absehbar, da CentOS Stream ja eigentlich eine rollende Edition ist. Könnte also auch sein, dass kein klassisches Upgrade nötig sein wird, sofern regelmäßig Aktualisierungen eingespielt werden. Wir werden es sehen.

Fazit:

CentOS ist zwar eine Server Distribution, doch anders als RHEL, SLES oder Oracle Linux liegt hier der primäre Fokus nicht auf Geschäftskunden. Also sollte ein anderer Maßstab angelegt werden. Ich würde CentOS ehr mit Debian als Server und Ubuntu Server gleichsetzen, denn diese eint, dass sie einerseits kostenlos erhältlich und andererseits keinen direkten kommerziellen Zwang Supportverträge abzuschließen haben. Oracle Linux kann man zwar auch ohne Supportvertrag nutzen, doch glaube ich wird dessen Verbreitung als nicht kommerzieller Server überschaubar sein.

Ich habe CentOS nicht als Server im Einsatz gehabt bis heute. Was mir im Rahmen des Tests auffiel, war solide und ich bin nicht über Probleme oder Abstürze gestolpert. Doch würde CentOS Stream mich aktuell auch nicht schwach machen jetzt Debian abzuschwören und meinen Server entsprechend mit CentOS Stream umzurüsten. Aber das mag auch nur daran liegen, dass ich bei Servern generell Debian verwende. Wäre mein Einstieg damals mit CentOS gewesen, sähe das ganze sicher anders aus.

Ich denke mit CentOS 8 ist es zu früh die Distribution vollumfänglich einschätzen zu können. Es muss sich zeigen wie zuverlässig das neue Konstrukt sich zeigt und auch wie sich die CentOS Anhänger aufstellen. CentOS 7 wird noch regulär bis zum geplanten Wartungsende 31.12.2021 unterstützt. Ob die, die jetzt Version 7 nutzen dann auf 8 Wechseln oder zu einem CentOS Fork wechseln werden, muss sich noch zeigen.

Ich finde den Ansatz interessant und man sollte CentOS jetzt nicht als das Server Arch Linux verstehen, denn rollend heißt hier nicht brandneue Software. Aber ich denke das fiel Euch schon im Bereich Desktop und Programme auf. Haben wir hier eigentlich CentOS Nutzer unter uns? Falls ja, dann würde mich interessieren wie Ihr weitermacht nach dem Ende von CentOS 7. Wechsel Ihr auf 8 oder auf einen der Forks wie Rocky Linux oder Project Lenix? Schreibt das doch mal in die Kommentare rein.

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