Microsoft kauft Canonical - was wäre wenn? MFTP31


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In den frühen Tagen von Ubuntu war Canonical ein privat finanziertes Unternehmen, dass am Geldbeutel von Mark Shuttleworth hing und dadurch viele gute Idee finanziert bekam, wovon die ganze Linux Gemeinschaft profitierte. Vor allem im Zeitraum zwischen 2010 und 2017 pumpte der Gründer von Ubuntu und Canonical Unsummen in diese Unternehmung, um den Linux Desktop fit für den Massenmarkt zu machen. Doch im Jahr 2016 schienen die Zweifel die guten Ideen und Absichten zu überwiegen, weswegen man sich bei Canonical umentschied und Anfang 2017 den Stecker für verschiedene innovative Ubuntu Vorstöße zog. Die Opfer waren Unity, Ubuntu Touch, MIR, Ubuntu One aber auch der Fork Ubuntu Gnome.

Ubuntu wurde fortan anders klassifiziert und umgedeutet. Vom konvergenten und universellen Betriebssystem für alle Belange wurde es zu einer kostenlosen Plattform klassifiziert, die Drumherum kommerzielle Services anbietet. Das klingt zunächst schwammig, doch mehr oder minder wurde der Kernfokus geändert. Statt ein gutes Linux Desktop Erlebnis wurde nun die Profitabilität der Services als primärer Belang der Firma priorisiert.

Dies wurde stets mit dem Hinweis darauf vollzogen, dass man nicht sehr umfangreiche Projekte in den Büchern haben könne, ohne dabei einen kommerziellen Aspekt zu haben. Was diplomatisch recht flach rübergebracht wurde, hatte weitreichende Folgen. Die Bereiche von Canonical wurden auf den Prüfstand gestellt. Bringt das Geld oder nicht. So wurde aussortiert. Alles Bereiche, die entweder bereits Geld in die Kasse spülten oder die man als Zukunftstechnologien aussichtsreich auf Gewinne einschätzte, wurden ausgebaut mit mehr Aufmerksamkeit und Personal. Alle Bereiche und Projekte, die nicht kommerziell waren und auch keine Aussicht auf baldige Profitabilität dingfest gemacht wurden, wurden kurzfristig eingestellt. Dadurch wurde der massive Kursschwenk sehr deutlich. Auch Anwender bekamen dies spätestens mit Ubuntu 17.10 zu spüren, als auf einmal Gnome wieder der Standard-Desktop bei Ubuntu und Unity abgesägt wurde. Zwar ist Unity 7 bis heute in den Paketquellen drin, eine Weiterentwicklung findet jedoch seit einigen Jahren nicht mehr statt.

Ubuntu Desktop ist eine kostenlose Plattform für alle nachgelagerten Canonical Services. So wundert es nicht, dass Canonical begrenzte Ressourcen weiterhin für den Ubuntu Desktop anbietet. Dies dürfte aber weniger den Fokus auf Privatanwender mit dem Linux Desktop haben, sondern vielmehr Entwicklern eine kostenlose Desktop Plattform anzubieten, um sie perspektivisch in das eigene Ökosystem zu ziehen und dort zu binden. Genau so wird Ubuntu Desktop auch adressiert. Der Linux Desktop Anwender wird nicht ausgeschlossen, aber es wird auch nicht mehr an ihn direkt ausgerichtet. Es ist stets überwiegend von Entwicklern die Rede.

So transformierte sich Ubuntu vom Poor Dog zurück zum Questionsmark mit der Absicht zur Cash Cow zu werden. In der Produktentwicklung ist die Reihenfolge eigentlich anders, aber Canonical wollte sich fit für die Zukunft machen mit Fokus auf Enterprise Linux ohne dabei nur auf Server reduziert zu werden. Kubernetes, Virtualisierung, Hochverfügbarkeit und IoT sind nur einige der neuen Steckenpferde. Heute scheint Ubuntu nicht nur kostendeckend zu arbeiten, sondern auch schwarze Zahlen zu schreiben. Das dürfte den Geldbeutel von Mark Shuttleworth genauso freuen wie ihn selbst, sein Lebenswerk im grünen Bereich zu sehen. Und egal wie man es sieht, er kann auch stolz darauf sein.

Doch das Gesamtbild scheint nicht so harmonisch wie eben skizziert. Denn Gerüchte über einen Börsengang von Ubuntu Maintainer Canonical existieren schon länger. Immerhin scheint Shuttleworth sein investiertes Geld irgendwann, zumindest anteilig, wiedersehen zu wollen. Ein Börsengang dürfte kräftig Geld in die Kasse spülen. Doch bis heute, also März 2022, gab es noch keinen Parkettgang von Canonical. Scheinbar liebäugelt man noch mit einer zweiten Option, einem großen Partner. Hier freundete sich Canonical in den letzten Jahren mit dem ehemaligen großen Rivalen Microsoft an.

Erste Früchte waren auch schon zu ernten. Das Windows Subsystem für Linux (WSL) ist ein Feature von Windows, das es ermöglicht, Linux Befehlszeilentools und Apps direkt auf Windows auszuführen. Also Linux Apps auf Windows Basis. Ubuntu war vorne dran bei den unterstützen Distributionen. Noch nicht überzeugt? Kein Problem. Werfen wir einen Blick auf die Kooperation von Microsoft und Canonical. Auf Basis von Microsoft Azure gibt es Ubuntu LTS Server, Ubuntu Pro for Azure, Ubuntu PRO FIPS for Azure, Ubuntu basierte Kubernetes Dienst. Der Linux Kernel von Ubuntu für Azure ist speziell optimiert worden. Ubuntu Pro auf Basis von Azure erhält längere Support Zeiträume und erweitere Security Features.

Natürlich werden andere Distributionen bei Azure nicht benachteiligt, wie auch andere Cloud Plattformen bei Ubuntu nicht benachteiligt werden, doch schaut man sich das genauer an und zählt eins und eins zusammen, dann wird da schon ein roter Faden erkennbar.

Die Vorteile eines Kaufs von Canonical durch Microsoft

Die Schlagkraft von Canonical dürfte als Microsoft Division sprunghaft ansteigen. Innerhalb des Microsoft Universums würde der Linux Distributor im Business Sektor stärker implementiert werden und sukzessive andere Enterprise Distributionen verdrängen. Ubuntu profitiert von der Expertise von Microsoft und könnte als Desktop Alternative zu Windows auch mit Microsoft Office auf Snap Basis versorgt werden. Dies wird auch bei Microsoft Edge und Microsoft Teams bereits so gehandhabt. Teams gibt es noch als Flatpak und Edge als Debian und RPM Paket. Als Snap gibt es beide. Zufall? Doch das Office Paket ist bislang Fehlanzeige auf Basis von Linux. Sollte Canonical einverleibt werden, könnte hier ein Linux Office für Ubuntu auf Snap Basis herausspringen. Dies um die hauseigene Konvergenz zu stärken. Ubuntu ist noch immer eine Distribution mit der besten Reputation und genau davon könnte Microsoft mit der Übernahme von Canonical partizipieren. Weiter könnten viel Upstream Aktivitäten mit verschiedenen FOSS Projekten der restlichen Linux Gemeinschaft zugutekommen. Das allgemeine Ansehen von Linux und Ubuntu dürfte mit dem Kauf in neue Sphären gehoben werden.

Die Nachteile eines Kaufs von Canonical durch Microsoft

Doch es könnte auch anders kommen. Durch den Kauf könnte Snap komplett zum proprietären Software-Distributions-Kanal werden, der exklusive Apps innehat. Hier könnte Microsoft Office für Linux ein Anreiz für viele sein sich darauf einzulassen. Ubuntu könnte als kostenlose Linux Desktop Distro entweder auf totale Sparflamme herabgestuft oder gänzlich aufgegeben werden. Ähnlich hatten sich vor Jahren auch Red Hat und Suse transformiert. Den kostenlosen Linux Desktop an Gemeinschaftsprojekte überführt und nur noch etwas unterstützt. Nur bei Canonical und Ubuntu ist dies derzeit noch nicht so, könnte aber von Microsoft so getriggert werden. Mit Veränderungen bei Ubuntu Desktop würden auch nachgelagerte Probleme bei den Forks aufkommen. Hierzu zählen nicht nur die direkten Derivate wie z.B. Kubuntu oder Lubuntu, sondern auch Linux Mint, elementary OS oder Zorin OS. All diese Distros fußen auf Ubuntu LTS und nur Linux Mint hat mit LMDE eine Alternative in der Tasche, auf die man sogar sehr kurzfristig umsatteln könnte. Alle anderen müssten von Null anfangen und könnten auf massive Probleme zulaufen. Ungeachtet allem genannten wäre der Kauf eine Kampfansage an IBM mit Redhat bzw. SUSE und ob genannte Distributionen langfristig bestehen können, wird sich zeigen müssen. Microsoft würde sich auf alle Fälle ein Linux Sternchen auf einen Schlag einverleiben. Wer Canonical beherrscht, herrscht somit auch ein nicht zu verachtendes Stück über das gesamte Linuxumfeld.

Die Übernahme von Canonical durch Microsoft dürfte sowohl bejubelt als auch bedauert werden. Es kann in die eine oder die andere Richtung gehen. Lustigerweise wollte ich als Aprilscherz 2021 einen Beitrag bringen, der genau das meldete. Doch die Furcht als „Fake News“ abgestraft zu werden verhinderte dies. Mit diesem Beitrag greife ich das Thema seriöser und substanzieller auf. Es ist weder eine Warnung noch ein Frohlocken.

Persönlich könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass Microsoft eines Tages die Übernahme von Canonical angeht. Es macht von vielen Blickwinkeln aus betrachtet Sinn. Beide Unternehmen arbeiten auf verschiedenen Ebenen eng und vertrauensvoll zusammen. Mark Shuttleworth signalisierte bereits, dass Canonical kommerzialisiert werden soll und er möchte vermutlich sein investiertes Geld wieder sehen, auf die eine oder andere Weise. Alles Indizien, die darauf hindeuten. Eigentlich deutet mehr darauf hin als dass es nicht darauf hindeuten würde.

Doch sollte man die Post-Shuttleworth Phase von Canonical irgendwann auf dem Schirm haben. Bislang war er ein finanzpotenter Schutzschild. Wenn etwas finanziell in die Hose geht, könnte er es auffangen und kompensieren. Sollte er eines Tages nicht mehr zur Verfügung stehen, was hieße das für Canonical und Ubuntu? Die fetten Jahre enden zwangläufig immer irgendwann und dann muss es weitergehen.

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Das war die heutige MFTP Ausgabe. Vielen Dank für die freundliche Aufmerksamkeit und bis zur nächsten Ausgabe. Ciao.

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3 Kommentare

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  1. mh interessante Annahme. Wenn dabei ein MS Office für Linux herauskommt haben sie meinen Segen dazu. 🙂

  2. Ich habe Ubuntu, wenn überhaupt, schon immer bloß mit Gummihandschuhen angepackt.

    Was sollte es mich also jucken, wenn technolgischer Schrott mit technologischem Schrott aufs Standesamt rennte?

  3. Was ich mir auch durch eine Übernahme durch Microsoft vorstellen könnte, währe, dass Snap dann auch für Windows verfügbar sein würde. Das währe deswegen Sinnvoll, dass man die App Entwickler nur noch Snap Pakete bauen müssten und dann würde die Grenze zwischen Windows und Linux immer mehr verschwimmen.