Europa im Handelsstreit zwischen USA und China – wie Linux helfen könnte

Im Wirtschaftskrieg zwischen China und den USA schauen die Europäer hilflos zu. Zugegeben, Europa spielt im Kampf um die digitale Vorherrschaft keine allzu große Rolle mehr. Zu abhängig sind wir von führenden Nationen wie den USA oder China.

Doch diese Abhängigkeit ist keine unumkehrbare Situation. Doch sie ist halt einfach sehr bequem. Man muß weder selbst die aktive Rolle spielen, noch Energie in Innovationen investieren. Beschränkt man sich lediglich auf den Konsum bekommt man alles vorgekaut serviert, hat aber andererseits bei der Entscheidungsfindung keine wirkliche Wahl mehr, da man bestenfalls zwischen wenigen vorgefertigten Produkten zu wählen hat.

Eine Gefahr, auf die Europa und der Wirtschaftsstandort Deutschland naiv zusteuern. Russland macht es hier besser und hat seine Richtung schon gesteckt. Mit AstraLinux hat man auf Basis von GNU / Linux ein eigenes Betriebssystem für kritische Infrastruktur konzipiert und zum Einsatz gebracht. Lizenzkosten für proprietäre Betriebssysteme können gespart werden, die Kontrolle über das Betriebssystem hat man in nationaler Hand. Die Gefahr von Sabotage und Kontrollverlust wird so Schritt für Schritt gesenkt.

Proprietäre Software muß nicht schlecht sein, quelloffene sollte erste Wahl sein

Nun gehe ich nicht soweit proprietäre Software zu verteufeln. Ich stehe dem Prinzip geistiges Eigentum zu schützen oder auch zu monetarisieren nicht ganz negativ gegenüber. Doch ob Staaten und öffentliche Träger sich aktiv in die Abhängigkeit stürzen sollen sehe ich für streitbar. Oftmals sind quelloffene Alternativen für viele Einsatzzwecke genauso verwendbar wie nicht-quelloffene Produkte von z.B. Microsoft.

Verschiedene Städte in Europa hatten es schon gezeigt, daß Linux durchaus helfen kann Lizenzgebühren zu sparen, Privatsphäre zu steigern, Abhängigkeit abzubauen und Flexibilität zu erhöhen. Doch auch hier muß mit Maß den Tatsachen ins Auge geblickt werden. Auch ein Wechsel zu Linux heißt nicht keine Kosten mehr zu haben. Infrastruktur ist immer ein Kostenträger. Auch Linux-Infrastruktur erfordert Aufwand in Anpassung und Betrieb. Doch ist der daraus resultierende Lohn beachtenswert: Keine Abhängigkeit, Keine Verhandlungen über Lizenzkosten, Hoheit über die eigenen Daten sind nur wenige Vorzüge.

Welche Beispiele sprechen für quelloffene Software?

An der Stelle liste ich nur einige Beispiele. Die Liste ließe sich beliebig erweitern:

  • Apple bestimmt wie lange das iPhone/iPad mit Softwareaktualisierungen versorgt und somit nutzbar ist im Sinne eines relativ sicheren Geräts
  • Apple bestimmt wie lange der Mac  mit Softwareaktualisierungen versorgt wird und somit nutzbar ist im Sinne eines relativ sicheren Geräts
  • Microsoft bestimmt wie lange das gekaufte Office Paket mit Softwareaktualisierungen versorgt und somit nutzbar ist im Sinne einer sicheren IT.
  • Microsoft bestimmt wie lange sich das gekaufte Office Paket nach Ende der Produktpflege noch mit der SharePoint oder OneDrive Cloud-Infrastruktur verbinden kann.
  • Der Smartphone – Gerätehersteller bestimmt ob und wie lange und schnell er Aktualisierungen für das vorinstallierte Android Betriebssystem bereitstellt.
  • Der Softwarehersteller bestimmt wie lange eine Software mit Abo-Modell unterstützt wird oder wann man auf das Nachfolgeprodukt wechseln muß, sofern man nicht die Software zu wechseln bereit ist.

Die Beispiele kristallisieren sehr deutlich die einhergehende Abhängigkeit vom jeweiligen Hersteller heraus.

Welche Beispiele lassen bei quelloffener Software wachsam sein?

Doch ist quelloffene Software nicht grundsätzlich der Heilsbringer bzw. Freifahrtschein. Auch hier gilt es verschiedene Projekte im Auge zu behalten.

  • Kleinere Projekte können schnell ins Stocken geraten, wenn die Finanzierung des Projekts nicht gesichert ist oder die Interessen der Projektmitglieder sich ändern.
  • Auch quelloffene Software kann kompromittiert werden, wenn das Projekt nicht zeitnah auf Sicherheitslücken reagiert und Patche nachschiebt
  • Quelloffene Software schützt nicht grundsätzlich davor ausspioniert zu werden und kann auch Backdoors enthalten.

Diese Beispiele zeigen, es gibt immer Vor- und Nachteile und die Argumentationskette kann beliebig gedreht werden. Doch geht es hier nicht um das Schieben von Holzklötzen, sondern um kritische IT Infrastrukturen. Hier sehe ich den Bedarf an Flexibilität und Souveränität ganz hoch. Doch ein Argument spricht stets für den Einsatz von quelloffener Software: Transparenz. Der Quellcode kann im Bedarfsfall mit hauseigenen Ressourcen geprüft werden.

Welche Schlüsse können aus dem Handelsstreit gezogen werden?

Länder können heute Freunde und morgen Feinde sein. Doch ist man erstmal auf der Feindesliste, heißt das, daß man auch keine Geschäftsbeziehungen mehr erhalten kann. Huawei ist hier ein Vorzeigeprojekt ohne zu sehr ins Detail eingehen zu wollen. Doch könnte sowas auch das Ende von Wartungsverträgen und Software-Aktualisierungen bedeuten. Dann ist man ein gefundenes Fressen auf dem Silber Tablet.

Aus dem Grund sollten die Europäer meines Erachtens nach dem russischen Modell adaptieren und einerseits eigene Lösungen finden sowie eigene Wege gehen. Sollte das auf europäischer Ebene nicht machbar sein, sollte Deutschland notfalls auf eigene Faust aktiv werden und sich selbst auf die Reise begeben. Das Ziel muß sein: Flexibilität, Unabhängigkeit und Transparenz. Linux und andere Open Source Projekte wie Nextcloud oder LibreOffice können hier hilfreiche Helfer sein. Ein bißchen Nachholbedarf im Umfeld quelloffener Software besteht in Produkthaftung und Betreuung. So können die großen Hersteller proprietärer Software oftmals mit Produkt-Support und entsprechender Produkthaftung punkten und somit quelloffene Alternativen ausstechen. Vorzeigeprojekte sind hier Unternehmen wie SuSE, Canonical und Redhat. Alle drei bieten Quelloffene Produkte für Geschäftskunden an aber eben auch Produktpfleg, Produktunterstützung und Haftung. Gerade im Geschäftsumfeld ist die Haftung bei Herstellern und Dienstleistern immer ein großes Thema. Denn es hilft im Störungsfall oder wenn ein Projekt ein Problem hat nicht weiter, wenn man dann auf Github ein Problem meldet und irgendwann mal Rückmeldung bekommt, wenn der Entwickler aus dem Urlaub zurück ist. Hier bedarf es klarer Reaktionszeiten und genau an der Stelle hapert es bei kleineren quelloffenen Projekten oftmals.

Auf der anderen Seite ist die Fertigung von Hardware. Die Fertigung von Halbleitern innerhalb der EU sollte unverzüglich aufgebaut werden. Niedrige Anschaffungskosten für Computer sind die halbe Miete. Der Preis für die günstigen Kosten ist die Abhängigkeit. Darunter fallen Handelsstreitigkeiten wie auch einfache logistische Transportprobleme.

Eckpunkte zum Handelsstreit

Die USA importieren mehr Ware als sie selbst exportieren. Um dies zu ändern, werden exportstarke Nationen belegt. So wurden seit 2018 unzählige Sonderzölle auf Waren von Exportnationen verhängt. Besonders schwer traf es China mit Beschränkungen für Stahl und Aluminium. Doch auch die EU geriet schon mit den USA in Konflikt im Bereich der Automobilherstellung und Flugzeugbauindustrie. Auch mit Kanada und Mexiko gab es Reibereien innerhalb inner-amerikanischer Handelsabkommen. Im Hinblick auf den Streit zwischen USA und China werden bilaterale Strafzölle auf die Exportprodukte der jeweils anderen Seite verhängt oder angedroht. Im Ringen mit China geht es den USA allen Anschein nach um mehr als nur Ungerechtigkeit mit billigen Exportstahl zu beseitigen. Vielmehr scheint man die Drohkulisse in der Destabilisierung des Welthandelssystem bewusst in Kauf zu nehmen um im Kampf um die digitale Vorherrschaft sich eines oder des größten Kontrahenten zu entledigen.

Die jüngsten Ereignisse um den Verkauf oder des Verbots des TikTok Geschäfts für den US-Markt und das drohende WeChat Verbot verdeutlichen zunehmend die Brisanz. Gut, das Verbot von TikTok konnte abgemildert werden, weil Walmart und Oracle als Partner gewonnen werden konnten. Aber die einstweilige Verfügung, die das WeChat Verbot temporär aufschob, entschärft das Thema nicht, sondern bringt nur etwas Zeit.

Daraus könnt Ihr erkennen, daß wir hier nicht von einer neuen Form des Protektionismus sprechen, sondern von der digitalen Souveränität. Wir dürfen uns nicht abhängig machen, sondern müssen jede Form der Abhängigkeit abwenden oder zumindest stark abmildern.

Genau genommen besteht eine Abhängigkeit gegenüber US Firmen hinsichtlich Software und Patenten, sowie gegenüber China im Hinblick auf die Produktion von Produkten. Doch da Hardware bereits vorhanden ist, sollte zunächst die bestehende Infrastruktur im ersten Zuge mit entsprechender Software ausgestattet werden und im nachgelagerten Schritt die bestehende Hardware nach Ende des Lebenszyklus jeweils ersetzt werden.

Während viele in Europa noch vom freien Handel und fetten Margen träumen, schmieden links und rechts von uns feste Größen Pläne hinsichtlich Allianzen oder Streitereien. Europa steckt förmlich in einem tiefen Schlaf und muß aus diesem endlich aufwachen und auf eigene Beine stellen statt sich auf die Seite eines der Kontrahenten zu schlagen. Andernfalls drohen uns eine totale Abhängigkeit und die Akzeptanz von jedweden diktierten Bedingungen auf der einen oder anderen Seite. All das kann abgemildert werden, wenn Europa es schafft bei Hard- und Software auf eigene Füße zu kommen. Das muß ja nicht heißen gegen die anderen zu arbeiten, sondern könnte vielmehr als Anlauf verstanden werden in Eigenverantwortung mit anderen zu arbeiten. Das heißt auch konkret eigene technische Lösungen zu finden, was Patente, Soft- und Hardware bedeutet. Als angenehmer Nebeneffekt könnte bei kostenintensiverer aber hier produzierter Hardware auch etwas gegen die Wegwerfgesellschaft und die damit einhergehende Umweltverschmutzung als unternommen werden. Es gab mal Zeiten, da hat man ein defektes Elektrogerät erstmal versucht zu reparieren und hat es nicht gleich durch ein neues Billiggerät ersetzt und verschrottet. Das vielleicht auch mal als Denkanstoß.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Das war kein rein technisches Thema. Sondern es zeigt, wie sehr die verschiedenen Themen miteinander verwoben sind und wie schnell ein Zahnrad stockt, wenn ein vorgelagertes Zahnrad Probleme hat. Versteht diesen Vortrag als Denkanstoß wie man verschiedene Dinge besser machen könnte und vielleicht mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte.

Ich wünsche Euch alles Gute. Bleibt weiter gesund und bis bald!

Euer Michl

Das zu diesem Artikel korrespondierende Video kann auf meinem YouTube Kanal hier angeschaut werden.

Folgt mir gerne auch auf:

Du möchtest mehr über Linux lernen?

Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Alle Kommentare werden moderiert. bitte beachtet die Regeln. Vielen Dank!