Deepin 20.1 im Test: Feinschliff am Linux Desktop oder Verschlimmbesserung?

Deepin 20.1 ist die aktuelle Community Ausgabe der umstrittenen Linux Distribution aus dem Reich der Mitte. Anstatt wie bei Deepin 20 große Änderungen einzuführen, konzentriert man sich mit Deepin 20.1 überwiegend auf Feintuning. Was es alles Neues gibt bei Deepin 20.1, das schauen wir uns heute gemeinsam an. Es geht los nach dem kurzen Intro.

Über die Distribution

Deepin ist umstritten und kämpft weiterhin mit Vorbehalten. Zwar konnten diese Vorwürfe, dass Deepin ein Spionagewerkzeug sei, nie wirklich bewiesen werden, dennoch wurde seitens des Deepins Projekt auch die Behauptung aufgestellt, Windows und macOS enthielten Backdoors. Klingt also nach einer anhaltenden Schlammschlacht zwischen dem wilden Westen und dem fernen Osten.

Geschichte der Distribution:

Nach den Aufzeichnungen auf Distrowatch ist Deepin seit 2004 aktiv und veröffentlichte seitdem im Rhythmus von 1-2 Jahren neue Versionen. Die Einführung des Benutzererfahrungsprogramms brachte den Beigeschmack, wann würde das Nutzerverhalten lückenlos aufzeichnen und übermitteln. Im Rahmen meines Tests von Deepin 15 konnte dies auch kaum konfiguriert werden. Erst mit Deepin 20 konnte man seine Teilnahme an dem Programm deaktivieren. Ebenso konnte ich bei Deepin 20 keine Verbindungen auf DNS-Ebene erkennen, die Aufschluss über das Benutzererfahrungspgrogramm gaben. Es wurde keine Verbindung aufgebaut, weshalb die Frage im Raum offenblieb, ob die Übermittlung in Intervallen oder gar nicht stattfindet. Informationen dazu gab es nicht. Transparenz sieht irgendwie anders aus.

Unterbau, Paketformat und Paketverwaltung

Deepin baut auf Debian Buster auf, bringt aber punktuell neuere Pakete mit als dies bei Debian der Fall ist. Wie der Ankündigung zu entnehmen ist, handelt es sich um den Debian 10.6 Paketstand. Inwiefern die Korrekturen und geschlossenen Sicherheitspatches aus 10.7 einfließen, kann aktuell nicht ganz klar beantwortet werden. Vielleicht ist auch die Angabe, es basiert uaf Debian 10.6 Repositories hier auch nur etwas unglücklich gewählt. Es ist jedoch zu hoffen, dass dem so ist. Entsprechend der Debian Basis wird das DEB Paketformat zum Einsatz gebraucht. Als Paketmanager wird APT mitgeliefert. Flatpak und Snap hingegen sind standardmäßig nicht vorinstalliert.

Unterstützte Architekturen

Deepin unterstützt ausschließlich 64-bit Architektur (x86_64).

Zielgruppe der Distribution

Eine klare Zielgruppe lässt sich zumindest außerhalb von China nur schwer dingfest machen, da es keine validen Zahlen im Linuxumfeld gibt. Man kann sich also nur anhand ein paar Kennzahlen orientieren. Ich persönlich würde Deepin als potentielle Einsteigerdistribution deklarieren. Der Einstieg in Deepin ist sehr nutzerfreundlich gestaltet und auch das System an sich kommt mit einer spürbaren Orientierung am Nutzungserlebnis daher.

Was ist neu in Deepin 20.1?

  • Dualer Kernel mit Wahl zwischen 5.4 (LTS) und 5.8 (stable). 5.10 kommt via Update nach.
  • Aufgefrischte System Repos mit Stand Debian 10.6, was auch schon veraltet ist
  • Performanceverbesserungen
  • Verbessertes DDE (Deepin Desktop Environment)
  • Neue Deepin Apps

Vorarbeiten, Inbetriebnahme & Systemvermessung

Um Deepin zu installieren, müssen wir uns den Installer herunterladen. Dazu navigieren wir auf die Deepin Projektseite und schalten auf Englisch um. Dann oben auf „Download“ -> New Release. Ich habe via SourceForge geladen.

Inbetriebnahme

Im Rahmen dieses Tests will ich nicht näher auf die Installationsroutine eingehen. Wenn Du dazu mehr sehen willst, empfehle ich Dir meinen Beitrag zur Installation von Deepin im Rahmen der Serie Wechsel zu Linux. Dort wird alles Schritt für Schritt gezeigt und erklärt. Kurz zusammengefasst: Es ist ein sehr benutzerfreundlicher Installler, der einen an die Hand nimmst und Schritt für Schritt zum Ziel führt. Kurz zur info: Wenn Du in einer VM Installierst, benötigst Du mindestens 64GB Speicher, sonst kannst Du nicht installieren.

Systemvermessung

Die Standardinstallation belegte bei mir knapp 6 GB Plattenplatz (genau 5,7GB). Für diesen hübschen Desktop ist das kein schlechter Wert. Der Konsum an Arbeitsspeicher liegt bei 765MB. Damit liegt die Plattenplatzauslastung etwa gleich mit Deepin 20, während der initiale Benchmarkwert im Arbeitsspeicherverbrauch deutlich höher liegt mit 765MB statt mit 523MB bei Deepin 20.

Desktop & Programme

DDE sieht weiterhin sehr modern und futuristisch aus. Optisch liefert man mit dem Deepin Desktop Environment weiterhin einen Desktop aus, der umschaltbar ist und je nach Einstellung an Windows oder macOS erinnert.

Die Adaption sieht optisch hübsch aus, lässt aber letzlich gewisse souveräne Impulse des Linux Desktops vermissen. Umschalten zwischen den Desktops kann man indem man entweder in den Leistungsmodus (Windows) geht oder in den Design Modus (macOS). Das Startmenü lässt sich, unabhängig vom Modus, ebenfalls anpassen mit drei verschiedenen Konzepten.

In den Systemeinstellungen können, wie der Name es vermuten lässt, Einstellung am System vorgenommen werden. Hier sehen wir weiterhin die Deepin-ID, die der Apple-ID nachempfunden ist. Wer sich jetzt über Cloud-Sync der Einstellungen etc. freut, außerhalb von China hat sie keine Funktion und ist somit irrelevant für uns.

Bei der Personalisierung könnt Ihr das Thema einstellen: Hell, Automatisch und Dunkel. Ebenso können Akzentfarben ausgewählt werden. Das ist nicht neu zu Vorversionen aber dennoch sehr angenehm gelöst. Darüber hinaus könnt Ihr das Symbolthema, die Zeiger und Schriften einstellen. Großartige Änderungen am Thema gibt es nicht. Hier geht Deepin einen anderen Weg als der Großteil der anderen Distros.

Bei den Hintergrundbildern ist wie immer allererste Sahne am Start. Das sieht super aus und man muss vermutlich schon notorischer Nörgler sein, um hier noch am Qualitätsumfang zu meckern.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und so würde ich dringend einen Blick in die Allgemeinen Einstellungen empfehlen. Hier konkret unter Benutzererfahrungsprogramm. Denn Standardmäßig ist dieses aktiviert. Ich deaktiviere das lieber mal.

Nach Angaben der Entwickler wurden in dieser Version die Deepin Apps an das DDE2 und die damit einhergehenden optischen Veränderungen weiter angepasst. So soll der Desktop insgesamt sich besser anfühlen und runder wirken.

Vorinstallierte Software

  • Kernel: 5.4 (LTS Kernel)
  • Browser: Deepin Browser
  • E-Mail Client: Deepin Mail
  • Büropaket: LibreOffice
  • Software-Container: Weder Snap noch Flatkap standardmäßig

Allgemein vorinstallierte Software:

Deepin möchte das Desktoperlebnis abrunden und liefert zunehmend eigene Apps aus. Das zeigte sich ja eben schon beim Browser und Mail Client. Der Browser basiert auf Chormium aber zum Mail-Client sind Infos rar. Weiter gibt es einen neuen Disk Manager und eine neue Kamera App. Generell ist die App Auswahl sinnig und man liefert das nötigste zum Start mit. Wer mehr braucht, kann im App Center Nachschub finden. Hier auf den ersten Blick nicht erschrecken, wenn alles nach China-Store ausschaut. Es gibt auch die gewöhnlichen Programme. Nur hat Deepin seinen Fokus verständlicherweise auf China und das merkt man z.B. im Store sehr deutlich.

Besonderheiten und Fazit

Deepin geht schon etwas seinen eigenen Weg verglichen mit anderen Linux Distributionen. Das ist im Sinne der Diversifizierung auch völlig in Ordnung wenn auch gleich der Trend zu hauseigenen Apps mir persönlich nicht so zusagt. Ich bevorzuge unabhängige Projekte. Das macht mich unabhängiger. Ansonsten kommt ein solider Linux Desktop, der zu gefallen weiß. Ich persönlich hätte von Deepin jedoch erwartet, dass sie nach Adaptierung der Desktops anderer führender Hersteller dazu übergehen und ein eigenes Konzept aufbauen. Vielleicht kommt das ja noch als dritte Option. Zutrauen würde ich es Deepin allemal.

Was lässt sich als Fazit festhalten?

Zum Teil das gleiche wie schon bei meinen Tests der Vorgängerversionen. Mir ist das Geschäftsmodell weiterhin unklar. Ebenso stößt mir das Sammeln von Diagnosedaten weiterhin sauer auf, auch wenn alle Welt mittlerweile so tut oder suggerieren möchte, dass das völlig normal und bedenkenlos sei. Ich mag das nicht und wenn, dann will ich seblst einen Fehlerbericht senden können.

Teilt Ihr diese Bedenken, dürfte Deepin für Euch nicht in Frage kommen. Geht Euch das sonst wo vorbei, hier ist ein sehr moderner Linuxdesktop, der klasse ausschaut und eine optische Augenweide darstellt. Wenn Du jetzt aufgrund des Deepin Unterbaus verunsichert bist, aber dennoch neugierig auf das DDE bist, dann habe ich noch eine gute Nachricht im Gepäck: Auch andere Distros bieten DDE als Oberfläche an. Dazu zählen u.a.: EndeavourOS, UbuntuDDE oder Manjaro Linux. Sofern ich auf DDE abfahren würde, würde ich es mit einem alternativen Unterbau einsetzen oder testen.

Würde ich deepin 20.1 also empfehlen?

Ehrlich gesagt nein. Das liegt aber vorzugsweise daran, dass wir in Europa nicht das Zielpublikum dieser Linux Distribution sind, sondern sie sich schwerpunktmäßig auf den chinesischen Markt konzentriert und da sicher ihre Stärken ausspielen kann. Ich kritisiere hier also nicht die Chinesen oder füttere die Spionagevorwürfe. Das ganz klar nicht. Die Reputation von Deepin ist nicht makellos. Ob das gezielt gestreut wurde oder seine Berechtigung hat, müsste zweifelsfrei in einem Audit geklärt werden. Doch wer sollte sich diese Mühe machen und das Geld in die Hand nehmen? Also bleibt es Euch überlassen. Daher habe ich auch Alternativen aufgezeigt um das DDE zu testen. Das sehe ich als meine Aufgabe an der Stelle. Die Infos zu sammeln und Euch aufbereitet daraus die möglichen Konstellationen darzustellen. Ich hoffe das ist mir gelungen.

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Doch jetzt bin ich gespannt darauf wie Euch Deepin 20.1 gefallen hat. Wie steht Ihr zu Deepin? Glaubt Ihr an den Vorwürfen ist was dran oder seid Ihr ehr der Meinung, man kann Deepin bedenkenlos einsetzen? Schreibt das doch mal in die Kommentare rein.

Dann bedanke ich mich für die freundliche Aufmerksamkeit. Macht es gut und bis zum nächsten Video. Bleibt gesund! Ciao.

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