Was aus Ubuntu hätte werden können. Ubuntu Touch im Jahr 2022 angeschaut


Hey Leute, diejenigen unter Euch, die schon ein paar Jahre Linuxnutzung auf dem Buckel haben, erinnern sich vielleicht noch daran, was Ubuntu mal werden wollte. Ein konvergentes Betriebssystem für Rechner, Tablet, Fernseher und Smartphone. Leider kam es nicht wie geplant. Was aus Ubuntu hätte werden können, darüber sinnieren wir in diesem Beitrag. Viel Spaß.

Ubuntu – Eins für alles

Die eigentliche Vorstellung war einmal, dass Du Dein Smartphone ja sowieso immer mit dir Herumschleppst. Doch anstatt für die Couch noch ein Tablet und das Arbeitszimmer ein Notebook oder PC zu kaufen, wollte Ubuntu mal mit einem universellen Gerät, das alles abdecken. Du hättest also Dein Smartphone in eine Art Docking Connector gesteckt und schon hätte es zu einem Desktop PC Modus umgeschaltet.

Auf diese Weise wäre modular so ziemlich jeder erdenkliche Einsatzzweck möglich gewesen. Über entsprechende Kombinationen. Man hätte sogar das Smartphone in ein Tabletgehäuse andocken können. Auch wären Bedenken über ausbleibende Leistung des Geräts obsolet gewesen, denn die hätte man ja im externen, aufnehmenden Gerät integrieren können.

Bevor Du jetzt abschaltest und das als Fantasterei abtust, auch vergleichbare Ansätze gab es vom Hersteller Motorola mit den Motorola Mods. Also andockbare Zusatzhardware für ein Smartphone. Leider stellt sich dies nicht als Erfolgsgeschichte heraus, genauso wie das konvergente Ubuntu nicht.

Ein Ende ist Anfang

Das Ende kann im Jahr 2017 als Mark Shuttleworth verkündete, dass sich Ubuntu umorientiert. Alle bislang vorgestellten Innovationen und Entwicklungen, darunter Unity Desktop, Displaymanager MIR und Ubuntu Toch wurden über Nacht eingestellt. Ubuntu schwenkte von Unity Desktop zurück zu Gnome Shell und tilgte alle Ideen und Eigenentwicklungen aus den Ubuntu-Genen aus.

Doch so ganz stirbt im Open Source Umfeld nichts, zum Glück. Denn freiwillige Entwickler übernahmen die Ideen von Ubuntu und führten die Arbeit zum Teil fort. Eine dieser Fortführungen ist Ubuntu Touch. Das Ubuntu Smartphone Betriebssystem, das seither von Ubports gepflegt wird.

Was kann Ubuntu Touch?

Um Ubuntu Touch überhaupt einzuschätzen oder testen zu können, muss man es auf einem kompatiblen Smartphone installieren. Und an der Stelle geht ein fettes Danke an meinen Zuschauer Marian raus, denn er stellte mir ein Google Pixel 3a mit Ubuntu Touch über einen längeren Zeitraum kostenlos zur Verfügung.

So war es mir möglich das OS über mehrere Monate zu testen. Aber nicht verkrampft möglichst schnell möglichst viel rauszupressen, sondern einfach so im Alltag. Immer mal wieder damit spielen und ausprobieren. So kam ich zu einem recht klaren Blick auf Ubuntu Touch. Also nochmal vielen Dank an Dich, Marian.

Doch kommen wir zu Ubuntu Touch zurück. Ich muss gestehen, ich habe die Unity Ära mitgemacht. Eigentlich war ich schon vor Unity, als Ubuntu noch Gnome 2 einsetze, schon im Ubuntu Lager. Also sehe ich das ganze vielleicht auch mit einem gewissen nostalgischen Auge.

Und Leute…. Was soll ich sagen. Wenn man nur den Einschaltknopf drückt und diese markanten Ubuntu Farben einen anleuchten, ja da kann es einem warm ums Herz werden. Ein Wisch nach rechts bringt dann den Launcher am linken Rand zum Vorderschein. Drückt man auf den Ubuntu Knopf, dann kommt der App Launcher. Und verdammt nochmal, mich erinnert das an das Unity Menü. Die Quantität an vorinstallierten Apps geht völlig in Ordnung. Es ist nicht viel vorinstalliert, wobei wir schon bei der ersten Frage sind.

Woher bekomme ich Apps?

Hier kommt der OpenStore ins Spiel. Das ist der App Store von Ubuntu Touch. Doch wenn Ihr hier jetzt aus iOS oder Android bekannte Knaller-Apps erwartet, seid stark. Ihr findet sie her größtenteils nicht. Vielmehr findet ihr zum Teil Wrapper, die letztlich nur eine Webseite als App anmutend bereitstellen. Natürlich findet man das eine oder andere. Navigierst Du mit dem Handy, bekommst Du z.B. uNav. Ein Navi auf Basis von OpenStreetMaps Karten. Eine Mail App ist übrigens nicht vorinstalliert. Im App Store gibt’s dafür unzählige Web Apps oder Dekko 2. Aber das ist als experimentell gekennzeichnet. Wer z.B. Spotify als Premium Nutzer hat, kann mit Futify seinen Client nutzen.

Ansonsten, so muss ich leider traurigerweise feststellen, qualitativ hochwertige App Anbieter sind hier nicht vertreten. Es gibt zwangsweise Web Apps und inoffizielle Apps, die Drittanbieter bereitstellen. Wenn Du hier also von Android oder iOS verwöhnt bist, boom, das ist wohl der erste Dämpfer.

Aktualisierungen für Ubuntu Touch kommen regelmäßig und werden in Etappen verteilt. Das Gerät informiert also wenn eine Aktualisierung ansteht und bietet an sie einzuspielen. Danach muss das Gerät einmal neugestartet werden, das wars. Das ist so komfortabel, wie man es auch erwartet.

Ist Ubuntu Touch praxistauglich?

Das ist eine schwere Frage. Denn sie ist unglaublich subjektiv und hängt stark von Deinem Nutzerverhalten ab. Bist Du App Junkie, dann ist die Antwort klar nein. Nutzt Du viele Dienste sowieso bevorzugt über den Browser, dann könnte es schon gleich ganz anders aussehen. Aber wenn Du gerne mit Freunden schreibst, z.B. via Signal oder Threema.. tja dann sind wir schon schachmatt, denn die gibt’s hier einfach nicht und ein Wrapper hilft da auch nicht.

Banking Apps inkl. 2FA ist hier auch nicht möglich. Passwortmanager wie z.B. Keepass gibt es zwar aber bei der App „KeePass“ war die letzte Aktualisierung im September 2021. Bei Keeweb im Mai 2020. Der Rest ist noch älter. Das muss bei KeePass jetzt nicht zwingend problematisch sein, ein Trend ist aber erkennbar. Eine Corona App ist z.B. verfügbar, aber natürlich nur eine inoffizielle Version. DB Navigator oder Fahrplan App gibt es hingegen. Was mich verwundert hat, ist dass es die NINA App, also die Warnapp Deutschland als offizielle Version gibt. Apps für E-Rezept gibt’s z.B. nicht. Nextcloud Client gibt es leider offiziell nicht. RSS Reader gibt es. Wenn Du aber an Deinem Tablet z.B. Apps zum Zeichnen oder für kreative Sachen einsetzt, dann wird es dünn.

Das meinte ich eingehend, dass es stark von Deinem Nutzerverhalten abhängt, ob ein Ubuntu Touch Smartphone praxistauglich ist oder nicht. Daher überlasse ich es Dir das für Dich zu entscheiden.

Das hätte aus Ubuntu werden können

Im gesamten Zeitraum hatte ich immer Spaß mit dem Ubuntu Touch Gerät zu spielen. Es erinnert diejenigen, die Ubuntu mit Unity verwendeten immer wieder daran zurück. Das mochte ich wirklich sehr.

Ubuntu Touch und die anderen Projekte wurden von Canonical übrigens nicht aufgegeben, weil man sie für schlecht oder falsch hielt. Man verlor auch nicht den Glauben daran, dass sie gute Produkte waren. Die Entscheidung war viel trivialer und weitreichender. Canonical transformierte sich intern. Man justierte die Unternehmensziele um und stellte nicht nur die Profitabilität in den Vordergrund, sondern auch Zukunftstechnologien wie Cloud-Angebote. Und hier lag der entscheidende Grund. Man glaubte, dass Cloud Lösungen die Zukunft für Canonical sind und nicht der Linux Desktop oder ein Desktop Betriebssystem für Anwender, egal ob privat oder geschäftlich. Das Geld verdient man nicht durch die Bereitstellung der breiten Plattform im Konsumentenbereich, sondern im Businessbereich, eingegliedert in eine ganze Wertschöpfungskette bestehend u.a. aus Server und Service Provisioning, Container Hypervisoring, Cloud native Apps, Openstack und Kubernetes.

Sehr schade aber unter diesem Gesichtspunkt irgendwie auch verständlich. Jede Firma muss irgendwie Geld verdienen und sei es nur um ihren Mitarbeitern sichere Arbeitsplätze zu sichern. Also nicht blind auf Canonical einhacken an der Stelle. In dem Fall ist die Entscheidung zwar sehr schade aber nachvollziehbar. Andernfalls hätte das ganze auch ein Geldsarg sein können, der am Ende des Tages das aus für Ubuntu und Canonical hätte bedeuten können. So entschied man sich, von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet, für das geringere Übel.

Hätte Ubuntu aber dies als zweites Standbein neben dem Cloud Geschäft beibehalten, könnte Ubuntu heute das zweite Apple sein allerdings mit weit stärkerem Fokus auf das Cloud Geschäft. Das alles unter der Prämisse, dass Canonical die Geschäftsfelder nicht nur aufgegeben hätte, sondern auch ein Erfolg daraus geworden wäre. Ubuntu hätte die Linux Lösung für Privat und Firmenkunden werden können. Die Grenzen dazwischen wären sogar verschwommen gewesen und hätten sich durchaus überschneiden können. Doch sind daran auch schon viele namhafte Größen gestorben, wie wir im Fazit zu Ubuntu Touch gleich nochmal festhalten werden. Es hätte eine großartige Zeit für Canonical, für Ubuntu und Linux im Allgemeinen werden können. Das wäre dann der Durchbruch für Linux in alle anderen Bereiche wie Geschäftskunden, Server mal ausgeklammert, und Konsumenten werden können. Leider war nicht nur das Risiko sehr groß auch wurde der Fokus verändert.

Fazit zu Ubuntu Touch

Doch irgendwie merkt man halt, dass man trotz aller persönlicher Sympathie sich irgendwie in einer Blase befindet. Es ist ein Stück Vergangenheit, das leider nicht weiterentwickelt wird. Versteht mich nicht falsch, es gibt regelmäßig Aktualisierungen, aber das ist nur Besitzstandswahrung. Es gibt kleinere Korrekturen und Sicherheitspatches aber keine Weiterentwicklung. Das sieht man auch deutlich daran, dass die aktuelle Ubuntu Touch Version (auf meinem Gerät gerade OTA-22) noch immer auf Ubuntu 16.04 LTS basieren. Canonical bietet für Ubuntu 16.04 noch ESM Support an, weswegen ich mir erklären kann, dass da noch kumulierte Patches kommen. Wer Ubuntu etwas verfolgt oder zumindest meinem Kanal flogt, weiß, dass kürzlich Ubuntu 22.04 LTS veröffentlicht wurde. Und falls Du noch kein Abo hast, wäre jetzt der passende Zeitpunkt. Danke. Rechnen wir aber mal in LTS Versionen, dann liegen Ubuntu 18.04 LTS und Ubuntu 20.04 LTS vom Entwicklungszeitraum zwischen dem hier zugrundeliegenden Ubuntu 16.04 und dem aktuellen Ubuntu 22.04 LTS. Das sieht man auch am installierten Kernel 4.9. aktuell ist Kernel 5.15 bei Ubuntu 22.04.

Ubuntu Touch mit Linux Kernel 4.9

Interessant wäre zu sehen, wie sich Ubuntu Touch verhalten würde, wenn es mal auf aktuellen Stand vom Unterbau her gebracht werden würde. Doch selbst dann wäre es leider nur ein Nischensystem. Die Vergangenheit der letzten 10 Jahre zeigte, dass ein Betriebssystem mit dem damit verbundenen Ökösystem steht und fällt. Genau daran scheiterten auch schon andere Größen wie HP, Blackberry oder Microsoft. Alle hatten nette Ansätze. HP mit dem mit Palm gekauften WebOS, Blackberry mit Blackberry OS und Blackberry 10 und Microsoft mit Windows Phone und Windows Mobile. Ob ein Ubuntu Touch Betriebssystem ohne die finanzielle Rückendeckung von Canonical durchsetzungsfähig sein wird, darf leider bezweifelt werden.

Also auch wenn es vermutlich den Massenmarkt nicht mehr wird erreichen können, Ubuntu Toch hat seinen Charme und könnte durchaus den einen oder anderen von Euch gefallen können.

Eine generelle Empfehlung würde ich genauso wenig auszusprechen wie es allen abzuraten. Es kommt auf den Einzelfall an und genau damit möchte ich es an der Stelle auch gut sein lassen.

Besten Dank nochmal an Marian für die Bereitstellung des Testgeräts.

Bevor ich gehe, möchte ich mich bei allen Unterstützern ganz herzlich bedanken.

Bei Dir möchte ich mich für die freundliche Aufmerksamkeit bedanken. Deine Meinung kannst Du gerne in den Kommentaren hinterlassen, entweder auf YT oder auf meinem Blog. Hier würde mich besonders interessieren, ob diese Art von Videos Euch auch gefällt. Wenn Dir das Video gefallen hat, dann abonniere gerne meinen Kanal. Mit dem Daumen kannst Du zeigen, wie es Dir gefallen hat und die Glocke informiert Dich sofort, wenn ich Nachschub an neuen Videos veröffentlichte. Es lohnt sich.

Bleibt gesund, passt weiterhin gut auf Euch auf und bis zum nächsten Mal. Bis dahin. Macht es gut. Ciao, Euer Michl aus Franken.


2 Kommentare

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  1. Von solchen Totgeburten lasse ich mal lieber die Finger. Trotzdem danke für dein super Video. Hat mir super gut gefallen. Weiter so!

  2. Ich habe ein Ubuntu Phone zum Telefonieren z.B. Schwimmbad oder sowas wenn ich es halt nur im Notfall bräuchte. Da brauche ich nicht mehr als Fon und SMS und dafür ist es gut.