openSUSE Tumbleweed im Praxistest 2022 (Snapshot 20220925)

6 min


Willkommen zurück. Ich habe entschlossen auf meinem Kanal eine neue Tradition einzuführen und werde künftig openSUSE Tumbleweed, also die rollende Ausgabe, jährlich einmal anschauen und Euch vorstellen, was sich so tat. Der letzte Test war im Oktober 2021. Obwohl wir heute ein neu aufgesetztes System anschauen, stellt sich die Frage, ob die Installation von 2021 noch lebt. All das erfahrt Ihr im Beitrag. Bleibt dran.

Die Distro

Tumbleweed ist die alterantive zum statischen LTS Zweig Leap bei openSUSE. Doch Tumbleweed ist nicht einfach ein verzweifelter Arch Linux Abklatsch, nein nein. Tumbleweed kommt mit Substanz und cleveren Lösungsansätzen daher. Ferner habe ich endlich eingesehen, dass das größte Potenzial von openSUSE bei KDE Plasma liegt, denn machen wir uns nichts vor, openSUSE ist neben KDE Neon und Kubuntu eine DER klassischen KDE Distros, die wohlgemerkt weitaus mehr Tradition mitbringt als KDE Neon und Kubuntu, da es openSUSE bzw. den Vorgänger SUSE Linux auch schon weitaus länger gibt.

Technische Eckpunkte

Um Tumbleweed zu nutzen, solltet das Blech mindestens diese Anforderungen erfüllen:

  • 2 Ghz Dual Core CPU oder besser
  • 2 GB RAM oder mehr
  • 40 GB Plattenplatz oder mehr
  • DVD-Laufwerk oder USB Port für das Installationsmedium
  • Internetzugang ist hilfreich aber nur beim Netzwerkinstaller zwingend nötig

Die Spezifikationen dürften so ziemlich alle Standard Rechner der letzten 5-10 Jahre erfüllen. Solltest Du noch 32-bit Hardware haben, dann bist Du bei openSUSE dennoch gut aufgehoben, da diese angestaubte Hardware noch unterstützt wird. Neben klassicher 32- und 64-Bit Hardware unterstützt openSUSE noch IBM zSystems und LInuxONE, sowie PowerPC Architektur.

Tumbleweed ist rollend und openSUSE bezeichnet es als „leading Edge“. Also nicht bleeding Edge wie Arch, sondern leading. Interessantes Wortspiel, denn es deutet auf die Komponenten drumherum hin, auf die wir im weiteren Verlauf noch ausführlich zu sprechen kommen werden.

Als Paketverwaltung ist Zypper am Start, der für Euch die RPM-Pakete wuppt. Neben Zypper und RPM steht noch Flatpak bereit und der entsprechende App Store Eures Desktops. Also z.B. Discover für KDE-Plasma oder Gnome Software Center usw.

Inbetriebnahme

Wenn Du blutiger Anfänger bei openSUSE bist, ist das kein Problem. Es gibt einen hauseigenen Installer, der etwas anders ist als der von z.B. Ubuntu aber seit über 20 Jahren nichts anderes macht als Anwender wie Dich und mich zum Ziel, also der Installation zu führen. Kommt Dir das dennoch wie böhmische Dörfer vor, dann schau gerne mal mein Installationsvideo zu openSUSE an, welches im Rahmen der Serie Wechsel zu Linux entstand.

Wir werden an der Stelle jetzt die Abkürzung nehmen und nicht detailliert auf die Installation oder den Download des Images eingehen. Hier einfach das Video in der Beschreibung mal anschauen.

Hacks und wichtige Befehle (Aktualisierung, Suchen etc)

System aktualisieren

sudo zypper dup

Flatpak auffrischen

sudo flatpak update

Vollautomatisierte Kette:

sudo zypper dup -y && sudo flatpak update -y

Hinweis: Bei Leap ist die Aktualisierung via up, also update möglich. Bei Tumbleweed wird mit dem Präfix „dup“ das Distribution Upgrade durchgeführt. Nutzt Du bislang Leap, ist das ein kleiner Unterschied, den es zu beachten gilt.

Zielgruppe

Nach meinem neuen Dreisatz aus Ubuntu, Fedora und Tumbleweed ist Tumbleweed in meinen Augen mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem ich es Desktop Anwendern empfehle. Aber nicht Neueinsteigern, denn grundsätzlich würde ich Tumbleweed nur dann anraten, wenn gewisse Grunderfahrungen da sind. Nichtsdestotrotz sind Desktop Anwender, die neue aber stabile und getestete Software haben möchten, ganz klare Zielgruppe und genau dieser Anwenderkreis sollte sich Tumbleweed mal näher ansehen.

Performance, Desktop &, Programme

Systemvermessung

Mein System belegte nach dem ersten Hochfahren 5,9GB der Platte. Der initiale Benchmarkwert im RAM-Konsum lagt bei 829 MB RAM. Ein Vergleich zu den Vorjahreswerten wäre Unsinn, da damals Gnome und heute KDE am Start ist und ich nicht Äpfel mit Birnen vergleiche. Aber mein Test aus dem Jahr 2020 war mit KDE und damals lag der Plattenplatzbedarf bei 5,7GB und der RAM-Verbrauch bei etwa 600MB. Das hieße nach 2 Jahren verzeichnen wir moderate Steigerungen in den Performancewerten.

Anzahl installierter Pakete nach ersten Start

Insgesamt sind 2336 Pakete vorinstalliert.

Das findest Du heraus mit diesem Befehl: sudo rpm -qa | wc -l

Desktop Oberfläche und Konzept

Tumbleweed bringt zum Zeitpunkt der Beitragserstellung KDE-Plasma-Version 5.25.5

KDE und openSUSE gehören irgendwie zusammen wie Blitz und Donner. Der KDE-Desktop wird moderat angepasst, dennoch sieht er um Welten besser aus als der Gnome-Konterpart bei openSUSE und fühlt sich auch brauchbarer an, da es sich um ein Desktop für Computer handelt.

Wo wir auch schon beim Desktop wären. Das Konzept adaptiert traditionell Windows. Das dürfte jedem auffallen. Hier stand Windows 10 Modell und das wird Wechseln natürlich entgegenkommen. Unten links ein Startmenü, gefolgt von Arbeitsflächenumschalter und Schnellstartern, während rechts Steuerelemente und Systemindikatoren platziert sind. Keine Revolution, sondern einfach nur das, was man zum Arbeiten benötigt.

Das Hintergrundbild ist Geschmackssache. Bei mir würde es sofort runterfliegen. Alternativ wird noch ein weiteres von KDE mitgeliefert. Den Desktop könnt ihr weiter anpassen. Auch die Themen können umgeschaltet werden, wenn Ihr in Euch die dunkle Seite spürt und es daher lieber dunkel mögt. Weitere Designs etc. könnt ihr nachladen via Knopfdruck und Euren KDE-Desktop somit nach Herzenslust anpassen.

Vorinstallierte Software

  • Kernel: 5.19
  • Browser: Firefox
  • E-Mail Client: Kmail
  • Büropaket: LibreOffice
  • Software-Container: Flatpak

Allgemein vorinstallierte Software:

Der Anspruch eines modernen Linux Desktops kommt klar zum Vorschein. Es ist alles dabei, was man am Start benötigt und ganz allgemein ist halt das im Paket drin, was man braucht. Egal ob Office, Mailclient oder Browser, alles dabei. Sogar auch 5 Spiele sind standardmäßig mit an Bord. Im Großen und Ganzen kann ich nicht meckern.

Besonderheiten und Fazit

Es gibt oftmals die Kritik, dass man bei Linux mit der Verschlüsselung die Boot-Partition gerne außenvor lässt. Bei openSUSE adressiert man das Thema und sichert das ab. Das nervt manche, mich in der Vergangenheit auch, weil man dann das Verschlüsselungskennwort einmal für den Zugriff auf die Bootpartition eingeben muss und einmal zur Entschlüsselung des LVM Krypto-Containers. Ich hatte mit einem Root Key File mal gezeigt, wie man das umgeht. Der Beitrag ist hier, falls Dich das zu sehr an openSUSE nervt. Im Hinblick auf die Sicherheit solltest Du es aber lassen, wie es ist.

Obwohl openSUSE den Tumbleweed Zweig auch als Server OS angibt, würde ich davon Abstand nehmen. Hier sehe ich Leap als bessere Wahl im Hause openSUSE. Alternativ auch Ubuntu Server, Debian oder Alma Linux. Ein Server, auf dem soviel sich nahezu täglich ändert, das würde ich mir nicht antun wollen. Wie seht Ihr das?

Für diesen Test hielt ich die Finger still. Auf einem System von mir hätte ich die Spiele direkt bei der Installation abgewählt. Das geht in der Zusammenfassung, wenn man nochmal auf die Kategorie Software klickt. Dann kann man Kategorien abwählen oder noch dazunehmen.

Was darf ich mir eigentlich unter Leading Edge vorstellen?

Die Antwort auf die Frage bin ich noch schuldig. Ich kann aber nur meine Interpretation davon mitteilen. Ich verstehe leading edge in Verbindung mit einer Führungsrolle in dem Sektor. Diesen hat Tumbleweed auch tatsächlich inne, denn neue Softwarepakete werden nicht einfach bereitgestellt. Stattdessen rollt Tumbleweed getestete Schnappschüsse aus. Bis vor kurzem war das alle paar Tage, mittlerweile rollt man tägliche Schnappschüsse aus. Ein Schnappschuss beinhaltet getestete Pakete, die die Systemstabilität nicht beeinträchtigen sollen. Ich denke man hat das Ausrollintervall verkürzt, da man sonst einige hundert Pakete alle paar Tage erhielt, was Zeit kostete zu installieren. So kommt zwar jeden Tag etwas, dafür aber quantitativ weniger pro Tag. Einen Tod muss man irgendwie sterben und ich denke auch, dass es für Tumbleweed so die bessere Entscheidung war. Doch es gibt noch eine zweite Komponente im Verbund von Leading Edge. Das BtrFS Dateisystem ermöglicht es, dass automatisch Schnappschüsse angelegt werden, u.a. vor der Installation von Software und Aktualisierungen und auch danach (jeweils in der Schnappschussbeschreibung erkennbar an der Pre und Post Titulierung). Geht also mal etwas in die Grütze, dann kannst Du in einen stabilen Schnappschuss starten und diesen zurückrollen. Das geht sehr einfach, man sollte aber wissen wie. Hier lasse ich Dich ebenfalls nicht im Regen stehen, denn dazu hatte ich ebenfalls schon einen Beitrag gemacht. Durch die Kombination aus getesteten Paketen und rückrollbaren Schnappschüssen leite ich den Führungsanspruch von Tumbleweed ab. Arch liefert keine instabilen Pakete aus aber investiert weniger Aufwand in diese Auffangnetze. Manjaro versucht das zu puffern und nimmt sich mehr Karenzzeit von ein paar Wochen, was m.E. nach dennoch in Ordnung geht, wenn man dann aber getestete und stabile Pakete bekommt.

Lebt mein System von 2021 noch?

Aber ja, natürlich. Mittlerweile ist Gnome 43 dort angekommen und das System wurde regelmäßig von mir verwendet. Es gab auch keinerlei Probleme bei den Aktualisierungen. Vor allem seit das Intervall geändert wurde, zieht sich das ganze gefühlt nicht mehr so in die Länge. Nichtsdestotrotz finde ich, Zypper benötig eine Performanceoptimierung, aber das ist ein anderes Thema.

Fazit

Nachdem dieser Beitrag langsam zum Ende kommt, bleibe ich bei meinem Dreisatz aus Ubuntu, Fedora und openSUSE Tumbleweed. Vor allem KDE-Nutzer sollten openSUSE auf dem Schirm haben. Die Systemagilität war sehr gut. Es gab nichts zu meckern. Die Software ist brandneu, das System stabil und mit dem BtrFS Schnappschuss Auffangnetz abgesichert. Klingt nach einem perfekten System, oder? Vielleicht ist es das. Dennoch heißt das, das mit den neuesten Programmversionen auch die neuesten Fehler kommen können, wofür openSUSE oder eine andere rollende Distro zunächst mal nichts kann. Immerhin testet man nicht die Funktion der jeweiligen Programme, sondern die allgemeine Paketintegrität. Und hier liegt auch der Schmerzpunkt, weswegen ich nicht das Risiko einer rollenden Distro tragen möchte. Heißt nicht, dass es da nur so vor lauter Fehlern wimmelt, aber die Möglichkeit ist höher als bei LTS Distros. Und da ich mit dem System arbeite und auf dessen einwandfreie Funktion angewiesen bin, setze ich an meiner primären Maschine auf eine LTS Distro und nicht auf rollend.

Doch das ist ja nur mein Anwendungsfall. Deiner mag ganz anders aussehen. Ungeachtet davon, ist openSUSE für mich die Empfehlung, wenn es eine rollende Distro sein soll. Wer aus der Arch Welt kommt und jetzt das AUR anmerken will, ruhig Blut. Es gibt das Pacman Repo, wo Zusatzsoftware verfügbar ist. Das noch mit dem Unterschied, dass openSUSE nicht offen den Einsatz von Pacman nicht empfiehlt. Arch hingegen rät vom AUR ab, da aufgrund der Paketbereitstellung von Drittanbietern, also jedem beliebigen Entwickler, auch ungewollte Nebenfunktionen wie z.B. Backdoors ins System etc. zwar nicht hochwahrscheinlich, jedoch nicht gänzlich ausschließbar sind.


2 Kommentare

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  1. “”Nachdem dieser Beitrag langsam zum Ende kommt, bleibe ich bei meinem Dreisatz aus Ubuntu, Fedora und openSUSE Tumbleweed. Vor allem KDE-Nutzer sollten openSUSE auf dem Schirm haben. “”

    Deine Meinung…!
    Leute die SUSE nicht ausstehen können , haben nun die Möglichkeit -> Tuxedo_OS 1<- zu nutzen (KDE).

    https://os.tuxedocomputers.com/

    LinuXnews hat schon ein kleines Review gemacht.

    Tuxedo_os ruft förmlich nach einem Test.