Wohin entwickelt sich der Pop_OS! Cosmic Linux Desktop?


Die Firma System76 ist der Distributor der beliebten Linux Distro Pop_OS!. Im Herbst 2021 wurde angekündigt, dass man für Cosmic an einer neuen Linux Desktop Umgebung arbeitet, die nicht auf der Gnome Shell basiert. Dies ist eine Ausschau, was uns erwarten könnte. Dabei werfen wir auch einen Blick auf die Änderungen, die mit Pop!_OS 21.10 kamen. Ich wünsche viel Spaß.

Der Linux Desktop bei Pop_OS!

Mit Version 21.04 hob Pop_OS! eine neue Vorstellung des Linux Desktops aus der Taufe und taufte das ganze Cosmic Desktop. Die Basis war weiterhin Gnome Shell aber nicht Vanilla Gnome, sondern angepasstes Design mit verschiedenen Erweiterungen.

Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung von Pop_OS! 21.10 kündigte System76 an, dass man sich von Gnome Shell verabschieden möchte und stattdessen den Cosmic Linux Desktop auf Rust Basis neu aufbauen möchte.

Der System76 Entwickler Michael Murphy wird dabei wie folgt zitiert:

„Es gibt Dinge, die wir gerne tun würden, die wir nicht einfach durch Erweiterungen in GNOME erreichen können. Erweiterungen fühlen sich im Allgemeinen wie ein Hack an. Und was wir mit unserem Desktop machen wollen, unterscheidet sich von GNOME, daher wäre es nicht so, dass die Option, Pop-Shell und COSMIC in GNOME-Shell zusammenzuführen, eine willkommene Sache wäre.“

Michael Murphy

Damit einhergehend muss man noch erwähnen, dass mit Gnome 40 zahlreiche Modernisierungen im Hause Gnome anstanden, die mit Gnome 41 und den nachfolgenden Versionen weiter verfeinert werden und auch für Distributionen Veränderungen und Anpassungen bedeuten. Neben Pop_OS! hat auch Solus angekündigt seinen primären Desktop nicht auf Basis von Gnome fortzuführen, ohne dabei jedoch ewas völlig neues anzufangen. Das sollte auch nicht verwundern, denn der damit verbundene Aufwand ist nicht zu vernachlässigen. Vielleicht erinnert Ihr auch noch an die Zeit, als Ubuntu mit Unity einen eigenen Desktop, der auf der Gnome Shell basierte, versuchte zu etablieren. Und Ubuntu ist keine kleine Distro oder? Auch hier zog man nach ein paar Jahren den Stecker von Unity wobei die Beweggründe für den neuen Desktop bei Canonical bzw. Ubuntu andere waren als bei Pop_OS! bzw. System76.

Fakt ist jedoch, dass man mit Cosmic viel vorzuhaben scheint und mit Pop_OS! 21.10 eine erste kleine Kostprobe auslieferte. Zwar noch auf Gnome Basis aber dennoch optisch auffällig im Vergleich zu vorherigen Versionen.

Cosmic Desktop auf Basis von Pop_OS! 21.10

Derzeit folgt man mit den Versionen von Pop_OS! noch dem großen Vorbild Ubuntu. So ist auch Version 21.10 nur eine Interimsversion, die nur 9 Monate versorgt wird und bereits im Juli 2022 eingestampft wird. Doch jenseits der Laufzeit der Version sind die Änderungen am Desktop interessant und könnten eine Vorstellung davon geben, was uns bei Cosmic künftig erwarten könnte.

Zunächst basiert der Desktop auf Gnome 40. Doch hier wird nicht die Vanilla Standard Kost ausgeliefert. Das fällt gleich auf dem ersten Blick auf. Unten wird ein Dock realisiert, welches dahingehend verändert werden kann, als dass es sich entweder über den ganzen Bildschirmbereich ausdehnt oder zentriert mittig sich zeigt. Je nachdem was Du magst, kannst Du hier binnen weniger Klicks entweder eine Desktopumgebung vorfinden, die entweder an Windows 11 oder macOS, zumindest grob, erinnert.

Die aus Gnome bekannte Leiste oben bringt bekannte Funktionen aus dem Gnome UX Paradigma. Also konkret Zugriff auf Workspaces, Anwendungen, Datum bzw. Kalender und rechts die Systemindikatoren. Das Thema lässt noch seine Herkunft auf dem Ubuntu Yaru Thema erkennen, ist farblich aber ehr in blaue und orangene Töne gehalten.

Was im Hause Pop_OS! nicht fehlen darf, ist der hauseigene App Store mit dem Namen Pop-Shop. Dieser bietet Zugriff auf zahlreiche Apps, darunter auch die, die System76 in ihrem eigenen Repositiry anbietet. Das kannst Du z.B. daran erkennen, dass die Apps auch im Debian Paketformat verfügbar sind. Slack ist so ein Beispiel, was direkt auffällt. Die meisten andere Distributionen liefern das als Snap oder Flatpak Paket aus. Hier kommt ein Debian-Paket.

Doch kommen wir nochmal zurück zur UX des Cosmic Desktops. Werfen wir mal einen Blick auf das Dock unten. Es geht los mit „Show Launcher“. Das ist eine Desktop Suche. Hier könnt Ihr z.B. schnell nach Programmen suchen. Daneben haben wir „Show Workspaces“. Das ist eine Übersicht der geöffneten App Fenstern auf allen virtuellen Desktops. Der dritte Knopf heißt „Show Applications“. Hier zeigt sich eine der bemerkenswerten Änderungen am Cosmic Desktop. Das Menü könnte einige von Euch an das neue Menü von Windows 11 erinnern. Jenseits was wo vielleicht Modell stand, ist das Menü so neu bei Pop_OS! und hat man sich erst einmal daran gewöhnt, ist es auch produktiv und im Alltag gut nutzbar.

Auf die nachgelagerten Schnellstarter im Dock gehe ich jetzt nicht ein, da dieses gewöhnliche Schnellstarter von Apps sind.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Pop_OS! den Gnome Desktop mit zahlreichen eigenen Erweiterungen bestückt um das typische, hauseigene Nutzererlebnis anbieten zu können.

Das Problem mit Gnome

Das Gnome Projekt hat vor geraumer Zeit erkannt, dass die Oberfläche der Shell nicht voll konsistent war. Es gab Designs der Gnome Apps auf Basis des Adwaita Themas, was seit vielen Jahren der Standard ist. Doch es gibt noch ältere Apps, die GTK um die Ecke kommen. Je nachdem wie man das sehen mag, könnte man im Terminus der Anglizismen von Legacy oder Graveyard Design sprechen. Fakt ist, es ist wie beim Highlander. Es kann nur einen geben. Und so entschied sich Gnome alte Zöpfe abzuschneiden und das Gnome Design von GTK zu trennen. Das Zauberwort heißt: Libadwaita. Dabei handelt es sich um eine Bibliothek, die die wichtigen Gnome Designkonzepte bündelt. Darunter fallen dann Widgets, die Human Interface Guidelines – kurz HIG – Designsprache, alles, was früher unter Libhandy lief, sowie das neue Adwaita Thema.

Quelle: Blogs.gnome.org

Mit dieser Lösung möchten die Gnome Entwickler GTK und Adwaita trennen, was als Benefit eine schnellere Entwicklung und die Implementierung neuer Konzepte sicherstellen soll. Damit einhergehend soll Adwaita aufgeräumt und flach werden und damit wieder modern wirken.

Ihr könnt Euch vorstellen, dass dieser Umbau mit entsprechendem Aufwand in Verbindung steht. Die Entscheidungen von Gnome polarisieren, wie es auch der Gnome Desktop selbst tut. Die einen mögen es, die anderen nicht. So ist es auch mit den Veränderungen. Manche Distributionsentwickler mögen das, andere haben abweichende Vorstellungen. Die Entwickler hinter Solus haben andere Vorstellungen, wie auch die Entwickler hinter Pop_OS!. Wie im FOSS Umfeld üblich, stehen verschiedene Lösungen bereit. Solus entschied sich von GTK zu EFL zu wechseln. EFL steht für Enlightenment Foundation Libraries. Den Wechsel zu Enlightenment Desktop begründen die Solus Entwickler dahingehend, dass sich Gnome ehr auf Touch Interfaces mittel- und langfristig ausrichtet und sich hierfür jetzt umbaut. Solus möchte eine gute Desktop Erfahrung bieten und sieht Gnome hier nicht mehr als die beste Lösung. Ähnlich dürfte man dies bei System76 sehen, wobei anders als bei Solus schwenkt man nicht auf eine bestehende Lösung, sondern entwickelt von Grund auf eine neue Desktop Lösung.

Ausschau und Vermutungen

Zum aktuellen Zeitpunkt, also Anfang 2022, gibt es noch nicht das volle Drehbuch. Bekannt ist, dass der neue Desktop in Rust gemäß den Free-Desktop-Spezifikationen geschrieben und somit kein Gnome Ableger sein wird.

System76 plant mit der neuen Desktop Umgebung seinen Anwendern die Erfahrung zu bieten, die sie sich schon immer gewünscht haben.

Ich persönlich gehe davon aus, dass wir optisch in der Bandbreite des Cosmic Desktops bleiben werden. Heißt, dass wir das, was Cosmic uns heute bietet, in einer ähnlichen Form auch künftig sehen werden. Allerdings halt ohne Gnome Erweiterungen, sondern direkt out of the Box. Also gehen wir mal davon aus, dass das Farbthema wenig verändert werden wird. Es wird hell und dunkle Nuancen geben, gepaart mit den Orange/Türkis Tönen.

Auch wird vermutlich unten ein Dock sein, dass entweder zentriert oder bis zum Bildschirmrand ausgedehnt angezeigt wird werden können. Das Menü wird ähnlich dem jetzigen sein. Ob das Gnome Launchpad nachgebildet wird, glaube ich nicht. Ich denke das wird komplett rausfallen, ebenso wie die Workspaces, die durch eine neue aber möglicherweise ähnliche Funktion ersetzt werden könnte.

Mein Fazit

Wer mein Projekt schon länger verfolgt, weiß, dass ich viele Jahre Gnome benutzt habe und grundsätzlich auch noch immer Gnome mag. Aber halt nur mit verschiedenen Erweiterungen. Ohne diese Erweiterungen ist Gnome für mich eine unbrauchbare Hülse, denn man merkt tatsächlich, dass es immer mehr Richtung Touch Oberfläche geht. Und das obwohl es noch gar keine brauchbaren Linux Tablets mit Gnome gibt. Wohin entwickelt man sich also von der Software her wenn es derzeit keine passende Hardware am Markt gibt? Mir nicht ganz schlüssig. Von daher kann ich mit den älteren Gnome Versionen wie auch mit Gnome 41 gut klarkommen, wenn ich meine bevorzugten Erweiterungen habe. Als Gnome 40 herauskam, gab es diese noch nicht passend für Gnome 40, weshalb ich seinerzeit auch den Artikel Großbaustelle Gnome 40 hier im Blog publizierte. Das war für mich persönlich das Signal mich künftig nach einer anderen Lösung umzusehen, denn die Entwicklung von Gnome geht einfach weg von dem, wie ich es mir am Desktop vorstelle.

So kann ich die Entscheidungen von Solus und Pop_OS! also nachempfinden und stehe dem positiv und neugierig gegenüber. Ich könnte mir also den Cosmic Desktop durchaus als praktikables Gnome Vermächtnis vorstellen und wenn sich System76 nicht so dämlich anstellt wie Canonical seinerzeit mit Unity, dann könnte das durchaus zum Erfolg führen.

Ich werde die Entwicklung von Cosmic Desktop sehr genau beobachten und von Zeit zu Zeit darüber berichten. Schaut also gerne regelmäßig auf meinem Blog vorbei, denn nicht jeder Meilenstein dazu rechtfertigt ein eigenes Video. Von daher werde ich darüber mehr im Blog informieren. Also vorbeischauen lohnt sich.

Mehr zum Thema: System76 arbeitet für Cosmic an einem neuen Linux Desktop ohne Gnome Shell UX

Bevor ich gehe, möchte ich mich bei allen Unterstützern ganz herzlich bedanken.

Auch bei Dir möchte ich mich für die freundliche Aufmerksamkeit bedanken. Deine Meinung kannst Du übrigens gerne in den Kommentaren hinterlassen, entweder auf YT oder auf meinem Blog. Wenn Dir das Video gefallen hat, kannst Du gerne ein Kanal Abo dalassen. Auch kannst Du mit dem Daumen zeigen, wie es Dir gefallen hat. Das gibt mir entsprechend Info und hilft dem Video.

Bleibt gesund, passt weiterhin gut auf Euch auf und dann sehen wir uns hoffentlich zum nächsten Video erneut. Bis dahin. Machts gut. Ciao aus Würzburg, Euer Michl.


Ein Kommentar

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  1. Ja doch das könnte schon was werden. Jetzt muss System76 noch die Upgrades hinbekommen… Dann schau ich es mir mal an. Bis es soweit ist bliebe ich bei Ubuntu.